Minimalismus Deal: Ein Jahr keine Kleider kaufen

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Letzten Sommer schlossen Andi und ich einen Deal ab: Für ein Jahr keine neuen Kleider kaufen. Andi hatte sich dieses Gebot selbst auferlegt, nachdem das Internet sich darauf spezialisiert hatte, ihm superduper günstige und dabei hochqualitative Kleidung anzudrehen. Und damit recht erfolgreich war und ihn von der Arbeit abhielt. Ich schloss mich dem Deal aus Interesse an. Na gut, auch weil das Internet auch meinen Kleidungsgeschmack inzwischen gut kannte.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich meinen Kleiderschrank schon mehrfach und nach unterschiedlichen Methoden ausgemistet. Ich hatte daher einen guten Überblick über dessen Inhalt und wusste, dass ich den Winter mit diesem Deal ohne erfrorene Gliedmaßen überstehen würde.

Der direkte Nutzen dieses Gebots ist offensichtlich: Wir sparten Geld und Zeit, entlasteten die globale Konsum-Kette sowie die Umwelt und ihre natürlichen Ressourcen, und unterstützten zur Abwechslung mal nicht den Onlinehandel und Paketlieferdienst und deren Niedriglöhne, horrenden Arbeitszeiten und Autoverkehr.

Weniger offensichtlich dagegen war für mich der indirekte Gewinn.

Wenn ich ein schönes Kleidungsstück an einer Person sehe, sendet mein System normalerweise sofort: „Wow! Das will ich auch haben! Haben, haben, haben!“ Nach einiger Zeit unter dem neuen Deal änderte sich das. Zwar war der erste Gedanke anfangs immer noch „Das will ich auch haben!“, wurde aber schnell unterbrochen von „Äh nee du, Kleiderkaufen ist nicht drin für ein Jahr.“ Das verschaffte meinen Gedanken und Gefühlen auf wunderbare Weise Platz. Und übrig blieb nur noch das „Wow!“

Ich musste nicht mehr mit mir darüber verhandeln, ob mein Verlangen und ich uns die Hose nun kaufen würden oder nicht. Diskussionen mit meinem Verlangen sind in etwa so anstrengend wie mit meinem kindlichen Ich, das auf einem Jahrmarkt ist und Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und Liebesäpfel (ja, die heißen wirklich so) will, will, will. Als ich meinem Verlangen signalisierte, dass es eh keine Chance hatte, weil Deal ist Deal (pacta sunt servanda, wie es Andi ausdrücken würde), verstummte es. Und zum Vorschein kam eine sehr angenehme Stimme, die bewundernd „Wow!“ raunte und der Hose samt ihrer Besitzer_in anerkennend zunickte.

Es stellte sich ein Gefühl von „genug“ ein, das andere Menschen und deren Hosen feierte. Und das machte mich auf zweierlei Weise glücklich. Erstens ist es viel schöner anderen Menschen mit Bewunderung und Anerkennung zu begegnen anstatt mich mit ihnen zu vergleichen und neidisch auf ihre Hosen zu sein. Und zweitens ging das „genug“ mit Dankbarkeit einher. Dankbarkeit für die Hosen, die ich bereits besitze.

Letztens lernte ich, dass das Gefühl von Zulänglichkeit und Dankbarkeit, wichtige Faktoren unseres Glücks sind. („Zulänglichkeit“ ist ein veraltetes Wort für das „genug“-Gefühl. Weshalb es wohl veraltet ist?) Ich hörte ein Gespräch zwischen Krista Tippett und David Steindl-Rast über die „Anatomie der Dankbarkeit“ auf meinem neuen Lieblings-Podcast onbeing.

In dem Interview vergleicht David Steindl-Rast Dankbarkeit mit dem Becken eines Springbrunnens. Der Springbrunnen beginnt erst zu spritzen, zu plätschern und zu funkeln, wenn das Becken voll ist und das Wasser überläuft. Und ebenso verhält es sich mit unserer Dankbarkeit. Wir müssen das Gefühl haben, dass unser Becken – oder eben unser Kleiderschrank – voll ist, um dankbar zu sein. Das Problem ist, dass uns in unsrer Kultur u.a. durch ständige Werbung vermittelt wird, dass unser Becken eben nicht voll ist und wir mehr brauchen, mehr, mehr, mehr.

[F]or many people in our culture, the heart fills up with joy, with gratefulness, and just at the moment when it wants to overflow and really the joy comes to itself, at that moment, advertisement comes in and says „No, no, there’s a better model, and there’s a newer model, and your neighbor has a bigger one.” And so instead of overflowing, we make the bowl bigger, and bigger, and bigger. And it never overflows. It never gives us this joy.

Wir kommen also oft gar nicht dazu, das tiefe Glück zu empfinden, das mit Dankbarkeit einhergeht, weil wir unser Becken immer größer und größer machen. Wir kaufen uns mehr Kleider, größere Kleiderschränke, ziehen in geräumigere Wohnungen oder gleich in ein Haus mit begehbarem Kleiderschrank, um den ganzen Kram unter zu bringen. Statt freudigen Momenten sammeln wir Hosen und stehen dann vor einem vollen Kleiderschrank, der vor Kleidern überquillt, statt voller Dankbarkeit vor einem erfüllten Leben.

Und haben trotzdem „nichts zum anziehen“.

Ich bin der Meinung, dass wir mehr Dankbarkeit und erfüllte Leben brauchen. Nicht nur, weil wir dann glücklichere Menschen werden – was schon an sich ne tolle Sache ist – sondern auch, weil ich davon überzeugt bin, dass glücklichere Menschen besser miteinander und der Welt umgehen.

Wem die sozialen und ökologischen Vorteile von Dankbarkeit für den Anfang zu weit weg erscheinen, kann sich vielleicht erstmal mit der Aussicht auf persönlichem Glück zu weniger Konsum motivieren. Denn, wie Judith Holofernes es letztens in einem Blogpost formulierte:

Dankbarkeit [ist] die direkteste Abkürzung zu warmen, fuzzigen Gefühlen in der Herzgegend.

Übrigens – nein – wir haben den Deal nicht zu 100% eingehalten. Im Herbst habe ich dann doch Panik bekommen und mir noch einen warmen Pulli gekauft. Außerdem habe ich zum Glück zwei wunderbare Schwestern, die mich zu Weihnachten mit Bambus-Socken und selbstgestrickter Mütze ausgestattet haben.

Bei Andi wurde das Shopping-Monster gewitzter und überlegte sich allerlei Ausreden und Umwege. Ein Riding Rhino-Trikot ist doch eher Kunst als Klamotte – oder? Und wasserdichte Überschuhe liegen eindeutig in der Grauzone. Außerdem schloss der Deal schließlich aerodynamische Lenker nicht ein.

Aber darauf, irgendwas zu 100% einzuhalten, kommt es auch gar nicht an.

Dennoch hat sich Andi für das neue Jahr ein neues Gebot auferlegt, nämlich keine Fahrradteile (außer Verschleißteile) und Fahrradklamotten (ohne Ausnahme) mehr zu shoppen. Mal sehen wie das läuft.

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