Everyday Cyclists im Interview: Der unermüdliche Pendler

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Radfahrer_innen werden gerne in Schubladen gesteckt. In einer Schublade befinden sich die umweltfanatischen Radfahr-Spinner, die ihre moralische Überlegenheit gerne anderen unter die Nase reiben. Dann gibt es noch die „Rowdyradler“, die sich nicht an Verkehrsregeln halten. Da ist es ja kein Wunder, dass sie sich selbst und andere gefährden. In den meisten Fällen sind Radfahrer_innen natürlich beides und damit in höchstem Maße scheinheilig. Abhängig vom Herkunftsland gibt es weitere Schichten-Schubladen. In vielen Ländern ist Radfahren nur etwas für die Armen, die sich kein Auto leisten können. In Deutschland und anderen Industrienationen dagegen wird Radfahren eher mit Studierenden und jungen mittelständischen Bürojoblern assoziiert, für die das fancy Rennrad mehr Lifestyle denn Mobilität ist. Diese jungen, weißen und meist männlichen Hipster mögen mit ihren teuren Rädern ihr Leben gefährden – für alle anderen sei das nichts.

Um diesen Vorurteilen entgegenzutreten, haben wir die Kategorie „Everyday Cyclists im Interview“ ins Leben gerufen. Hier stellen wir diverse Radfahrer_innen und ihre persönliche Motivation zum Radfahren vor. Den Anfang macht Andreas‘ Vater Heinrich.

Heinrich. Alter 58. Wohnhaft in Königsbrunn bei Augsburg. Beruf Elektrotechniker. Schulabschluss Hauptschule und Techniker Schule. Staatsbürgerschaft deutsch.

Komm, der Umwelt zu Liebe und meiner Gesundheit wegen, fahrn wir doch mitm Radel.

Lieber Papa, seit ich denken kann fährst du mit dem Rad zur Arbeit. Wie hat das angefangen?
Das hat bereits zu meiner Lehrzeit angefangen. Da war ich erst 15. Da gab es nichts anderes. Da musste ich mit dem Rad fahren oder laufen. Eine andere Möglichkeit habe ich nicht gehabt. Das waren so drei Kilometer, ging also noch. Dann bin ich allerdings der jugendlichen Faulheit verfallen und habe nen Mopedführerschein gemacht. Später bin ich dann auch mit dem Auto oder meinem Motorrad gefahren. Erst später hat das wieder umgeschlagen.

Wann war das dann?
Das ging eigentlich richtig los als ich bei meiner jetzigen Arbeitsstelle angefangen habe. Davor habe ich noch eine Weile etwas weiter weg gearbeitet. Da bin ich mit ner Fahrgemeinschaft (Auto, Anm. d. Redaktion) hingekommen. Erstmal war die Strecke sehr weit. Außerdem war das ein reiner Bürojob. Da wars halt n bisschen schwierig, auch mit der Kleidung. Aber als ich dann die Stelle gewechselt habe, hat sich das geändert. Da habe ich mir gedacht: Komm, der Umwelt zu Liebe und meiner Gesundheit wegen, fahrn wir doch mitm Radel.

Also von Anfang an waren Umwelt und Gesundheit deine Hauptgründe?
Ja doch, schon. Ich wollte nie ein zweites Auto haben. Dann bist du auf die Welt gekommen und deine Mutter (Silvia, Anm. d. Redaktion) hat häufig das Auto gebraucht. Und es waren ja dann nur noch so 10 Kilometer und wenn du das mal angefangen hast dann macht das auch Spaß.

Man muss dazu sagen, unser Auto war auch nicht wirklich „ein Auto“ sondern eher ein Wohnmobil. Blau und mit roten Blümchenvorhängen.
Stimmt.

Mit dem Ford Transit ist man wahrscheinlich dann auch nicht einfach so mal in die Stadt gefahren.
Ja, so isses.

Und wie weit ist es zu deiner Arbeit?
Ziemlich genau 10 Kilometer. Also so ne halbe Stunde Fahrzeit. Und man muss dazu sagen es macht kaum nen Unterschied, ob man jetzt mit dem Auto oder dem Rad fährt (Vom Dorfbus ganz zu Schweigen, Anm. d. Redaktion). Der Firmenparkplatz ist recht weit weg und dann muss man auch noch ne Weile laufen.

Und du fährst die 10 Kilometer bei jedem Wetter?
Ja, eigentlich immer.

Und wie schaffst du es, dich da zu motivieren – oder ist das kein Problem für dich?
Mei, es gibt eigentlich gar keine Ausrede für mich. Das ist bei mir schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich da morgens aufstehe und mich auf mein Radl setze. Selbst wenn die Silvia manchmal um die gleiche Zeit die gleiche Strecke mit dem Auto fährt, fahr ich lieber mit dem Rad. Die halbe Stunde brauch ich, dass ich mich in der Früh n bisschen austobe. Und nach der Arbeit dann sowieso, nach dem Stress. Den baue ich da ein bisschen ab und komme dann halbwegs relaxt nach Hause. Die Sorgen vom Alltag sind dann schon fast wieder weg.

Und ist das Fahrradfahren dann auch immer so relaxt für dich?
Naja, kommt halt n bisschen auf den Trainingszustand an. Ich mache ja noch anderen Sport. Wenn die Grundfitness da ist, dann fällt das nicht so schwer.

Das Auto ist keine echte Alternative für mich.

Hast du noch irgendwelche Tipps für unmotiviertere Pendler? Mich zum Beispiel. Wenn es bei mir regnet, überlege ich morgens noch im Bett erstmal ne halbe Stunde, ob ich jetzt mit dem Rad fahre oder doch die U-Bahn nehme.
Ja das ist natürlich schwierig für Leute die eine Alternative haben. Ich kann mich nur ins Auto setzen oder Fahrradfahren. Und da gewinnt halt immer des Fahrrad. Weil es für mich auch aus umwelttechnischen Gründen wichtig ist, die 10 Kilometer mit dem Fahrrad zu fahren.
Motivation? Was soll ich da für Tipps geben. Das ist wie mit dem Rauchen aufhören. Man muss es einfach wollen.

Und würdest du dich auch als „Radfahrer“ definieren? Du bist ja an sich beides – ihr habt ja mittlerweile ein Auto und ein kleines Wohnmobil und du fährst auch mit beidem regelmäßig.
Ja stimmt, aber mittlerweile sehe ich mich eher als Radfahrer. Also, ich versuche Autofahren ja auch privat zu vermeiden. Wenn ich jetzt irgendwas einkaufen muss, dann fahre ich immer mit dem Rad. Zum Beispiel zum Bäcker. Die paar Kilometer schaffe ich. Das war früher auch anders. Aber mittlerweile bin ich so weit. Ich sag mir: Die paar Minuten habe ich. Es sei denn ich muss irgendwas Großes transportieren oder es pressiert (bayrisch für „sehr eilig“, Anm. d. Redaktion). Zum Beispiel bei meinem anderen Hobby Windsurfen. Da bin ich natürlich zu faul, dass ich das mit dem Fahrrad zu Stausee fahre. Das gebe ich zu. Da verzichte ich nicht aufs Auto.

Aber du hast auch schonmal versucht zum Surfen mit dem Rad zu fahren oder?
Ja, ich hab schonmal nen selbst zusammengeschweißten Fahrradanhänger gehabt. Hab das auch zwei, drei Mal gemacht, aber das ist einfach zu umständlich. Das Ding ist auch recht schwer und ich habe soviel Material, dass das einfach schwierig ist, das da zum See zu transportieren.

Okay. Und nochmal zum Arbeitsweg. Wie machst du es eigentlich da, ziehst du dich irgendwo um?
Ja. Ich habe das Glück, dass wir einen gemeinsamen Umkleideraum und eigene Spinde haben. Da habe ich meine Arbeitsklamotten und ich kann mich da auch duschen, wenns ganz krass wird. Aber normalerweise fahre ich so entspannt in die Arbeit, dass ich eigentlich kaum zum schwitzen komme. Und ich habe auch nicht so nen Bürojob, wo man richtig fein riechen muss. In der Werkhalle, so als Arbeiter, da ist das nicht so dramatisch, wenn man mal ein bisschen verschwitzt ist. In der Arbeit muss man ja auch schwitzen.

Wie findest du die Radinfrastruktur auf deinem Arbeitsweg?
Die ist nicht so schlecht (Bayrisch für „ziemlich gut“, Anm. d. Redaktion). Ich fahre eigentlich hauptsächlich abseits der Straßen, auch wenn es etwas weiter ist. Ich fahre hintenrum über viele Feldwege. Von dem her kann ich mich nicht beklagen. Das klappt soweit ganz gut.

Und hattest du schon schlechte Erfahrungen? Zum Beispiel einen Unfall oder irgendwelche blöden Situation?
Ja, das lässt sich leider nicht so ganz vermeiden. Man muss immer für die Autofahrer mitdenken. Man weiß ja dann auf seinem Weg, wo die schwierigen Stellen sind, da muss man dann ein bisschen vorsichtig sein. Ich bin auch kein Heiliger. An den Schulen fahre ich auch manchmal zu schnell und überhole sogar Autofahrer, wenn die mir zu langsam sind.
Einen Unfall hatte ich noch keinen. Zumindest nicht auf dem Weg zu Arbeit. Bei einem Wettkampf (Triathlon, Anm. d. Redaktion) hat mich mal eine Autofahrerin vom Rad runtergeholt. Da waren nicht alle Straßen gesperrt. Beim Wettkampf fährt man natürlich sehr schnell und die hat meine Geschwindigkeit unterschätzt.

Aber du hast dich nicht schlimm verletzt?
Nee, das Fahrrad war halt ziemlich zerbeult und ich habe nen Salto über die Motorhaube gemacht. Bin aber relativ gut abgerollt. Und dann ging das auch. Also bei mir war jetzt nichts kaputt, außer ein paar Prellungen. Und mein Helm war hin.

Man härtet sich ab. Man geht ja auch im Winter raus, bei jedem Sauwetter. Andere werden wahrscheinlich schon vom Zuschauen krank.

Du bist ja jetzt schon ein bisschen älter – 58 Jahre – aber du bist selten krank und sehr, sehr fit für dein Alter.
Ja, also ich kann mich nicht beschweren. So ein paar kleine Wehwehchen, aber nichts Größeres.

Und hilft dir auch das Pendeln dabei, fit zu bleiben?
Ja, ich denke schon. Man härtet sich ab. Man geht ja auch im Winter raus, bei jedem Sauwetter. Andere werden wahrscheinlich schon vom Zuschauen krank. Bei mir ist es halt nicht so. Ich bin kein Arzt und kann jetzt nicht sagen ob’s wirklich hilft. Aber mein Gefühl ist: es hilft.

Ich erinnere mich, dass du sogar einmal bei einem Orkan von der Arbeit nach Hause gefahren bist. Mein Freund Mano hat dich zufällig gesehen und erzählt seitdem die Geschichte von deinem einsamen aber heldenhaften Kampf gegen den Orkan.
Das stimmt, ja. Das war der Kyrill. Da war ich vormittags surfen, da war er noch nicht so stark. Ich hatte Spätschicht und bin dann eben in die Arbeit gefahren. Und auf dem Nachhauseweg war es dann richtig schlimm, damit hatte ich auch nicht gerechnet. Aber da ist dann wirklich alles durch die Gegend geflogen und ich habe mich noch gegen den Wind heimgeschleppt.

Gegenwind ist ja bekanntlich ein guter Trainingspartner. Das hast du jedenfalls früher beim gemeinsamen Rennradtraining häufig zu mir gesagt. Noch eine letzte Frage: Du überlegst ja jetzt dann in Vorruhestand zu gehen, also mit 62 – wirst du bis dahin weiterradeln?
Ja, also auf alle Fälle.

Und danach?
Naja, dann muss ich ja nicht mehr täglich fahren, aber ich werde mit Sicherheit weiter Radfahren. Mit dem Rennrad und dem Mountainbike. Die Silvia fährt ja auch viel Fahrrad. Wir sind ja ne radelnde Familie. Und dann geht’s weiter.

Schön, dann gute Fahrt weiterhin und danke für das Interview!

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