Rezension: „Tausend Kilometer Süden“

Tausend Kilometer Süden, der Name ist Programm beim Mille du Sud, einer klassischen Langsstreckenradfahrt. Denn, ihr habt es schon geahnt, es werden knapp 1000 Kilometer gefahren und das ganze findet im Süden statt, genauer gesagt in Südfrankreich und teilweise Italien. Und weil dieser Süden zwar am Meer liegt, Südfrankreich aber eben nicht Mecklenburg Vorpommern ist, gibt es dazu noch zahlreiche Berge mit insgesamt ca. 13.000-16.000 Höhenmetern zu erklimmen (die Streckenführung variert von Jahr zu Jahr). Allein die Höhenmeter entsprechen damit etwa zwei Mount Everest Besteigungen. Für Normalsterbliche, wie erprobte Rennradfahrer, kaum vorstellbar. Zu allem Überfluss beträgt das nicht zu großzügig bemessene Zeitlimit nur 75-100 Stunden. Viel Zeit für Pinkelpausen, Essen und vor allem Schlaf bleibt da nicht. Über diese Strapazen hat Walter Jungwirth, selbst mehrmaliger Teilnehmer des Mille du Sud, nun ein wunderschönes Buch veröffentlicht.

Für manche mag tagelanges ununterbrochenes Radfahren nicht nur verrückt sondern auch langweilig klingen. Das Buch ist es keineswegs. Im Gegenteil. Der Autor schafft es mit seinem Erstling sowohl geneigte Novizen als auch überzeugte Biergartenradler in den Bann der Langstrecke zu ziehen. Dabei überzeugt das Buch weniger durch übertriebene Dramatik , á la „wird er es schaffen? Wird er Kälte, Wind und Einsamkeit trotzen?“ sondern mehr durch seine poetischen Darstellungen des Reizes der Langstrecke. Dabei vermeidet Jungwirth weitgehend den Kitsch der sich sonst häufig in derlei Abenteurer-Literatur findet.

Vielmehr verwebt der Autor die Erzählungen vom Radfahren mit Einblicken in das Seelenleben des Protagonisten und Rückblenden in dessen Jugend. Auch die Gemeinschaft der Randonneure (= französisch für Radwanderer) nimmt eine wiederkehrende Rolle in den Beschreibungen ein. Etwa wenn Jungwirth den Austausch von Radgeschichten unter den Randonneueren am Vortag des Mille du Süd in einem kleinen Cafe in Carcès einfängt.

Bei alledem kommt dann doch auch die Dramatik nicht zu kurz. Etwa wenn die Randonneure beim Bergabflug nur knapp dem „ausladenden Habitus“ eines SUV Fahrers ausweichen können. Oder wenn sich der Protagonist trotz  Müdigkeit und Kälte den Col d’Agnel (2700 m) hochquält und „die Maske der Verwegenheit vom Gesicht rutscht“.

Alles in allem ist Tausend Kilometer Süden eine sehr gelungene „Erzählung vom Radfahren in den Bergen“ (so der Untertitel) und kommt trotz günstigen Preises als gebundene Ausgabe im wunderschönen Cover daher. Dabei macht es, man mag es kaum glauben, Lust auf mehr. Lust auf mehr gut geschriebene Geschichten vom Radfahren, aber auch auf wirklich lange Radfahrten. Gerne auch in den Bergen. Mich hat das Buch jedenfalls dazu inspiriert meinen ersten 400er zu fahren und über eine Teilnahme an einem der klassischen Brevets zumindest nachzudenken.

Walter Jungwirt: Tausend Kilometer Süden, Covadonga Verlag, Bielefeld, 2017, 155 S., 14,80 Euro

Für weitere Bücher übers Fahrradfahren siehe auch diese Lese-Liste.

 

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