Die vegane Ideologie

Schimpanse Affe Fahrrad Rennrad Affe auf Rad

Veganismus und Ideologie, das scheint irgendwie zusammen zu gehören. In einer aktuellen ZEIT-Ausgabe beispielsweise bezeichnete ein Journalist die vegane Ernährung als ideologisch – das gehe ihm „zu sehr ins Weltanschauliche“.

Ich finde, da hat er recht.

Ideen, Werte und Praktiken

An ideology is a shared set of beliefs, as well as the practices that reflect these beliefs. (Melanie Joy)

Hinter meiner Entscheidung, nur noch Pflanzen zu essen, stehen tatsächlich Ideen und Werte. Zum Beispiel die Idee, dass eine rein pflanzliche Ernährung der drohenden Klimakatastrophe entgegen wirkt. Und damit so unschöne Dinge wie Hungersnöte, Artensterben und Umweltzerstörung verhindert.

Veganismus sagt auch wirklich etwas über meine Werte aus und die Art, wie ich in die Welt blicke, nämlich hoffnungsvoll und mit dem Glauben an den Wert und Schutz von Menschen, Tieren und unserer Umwelt.

Eine Ideologie, das sind erst einmal Werte, Ideen und Einstellungen. Dazu gehören auch Praktiken, die diese Werte, Ideen und Einstellungen reflektieren. Das klingt ein wenig kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach: Ich glaube an den Wert eines Lämmchens, finde es niedlich und esse es daher nicht. Oder: Ich habe mich informiert und weiß daher, dass die industrielle Tierhaltung einen Großteil der Treibhausemissionen ausmacht, die für den Klimawandel verantwortlich sind und esse daher lieber Pflanzen. Als Oberbegriff für diese Art von Werten, Einstellungen und Praktiken eignet sich das Wort Veganismus.

Gesellschaftliche und individuelle Trägheitsmomente

Häufig wird das Wort Ideologie negativ besetzt und mit „totalitär“, „weltfremd“ und „völlig-absurd-und-hirnrissig-und-bar-jeder-objektiven-Grundlage“ assoziiert.

Das passiert vor allem dann, wenn diese Ideen, Werte und Praktiken neu für die Gesellschaft oder den Journalisten sind. Gerade für eher festgefahrene und träge Gesellschaften und Menschen ist Neues häufig unbequem. Am Beispiel der deutschen Gesellschaft lässt sich diese Trägheit und Unflexibilität immer wieder schön beobachten. Die Automobilindustrie bewegt sich im Schneckentempo, die Verkehrswende dreht sich im Kreis, der Ausstieg aus der Kohleindustrie ist längst überfällig. Und die Ehe für Schwule und Lesben im Jahr 2016 – na herzlichen Glückwunsch, immerhin waren wir schneller als Australien.

Ich schließe mich der Vermutung von Yuval Noah Harari an, dass wir Menschen durch den Wandel von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern und Bankerinnen deutlich engstirniger geworden sind.* Mein Trägheitsmoment war zum Beispiel bei der Umstellung auf vegane Ernährung besonders hoch, während ich bei Feminismus und Mülltrennung etwas schneller von Begriff war.

Der Vorwurf an die vegane Ideologie, den Fahrrad-Faschismus oder die Gender-Diktatur zeigt also vor allem eines: Angst vor und Unwille zur Veränderung.

Nach der Fleischtheke muss ich nicht suchen

Ich weiß nicht, ob es euch bis hier her aufgefallen ist: Der Ideologie-Vorwurf richtet sich meistens an nicht herrschende Minderheiten, Ideen und Praktiken. Verschwiegen wird dabei der herrschende Mainstream, der sich ängstigt und sich in seiner Vorherrschaft bedroht fühlt. Ich wollte mir meinen Kuhmilch-Cappuccino nicht vermiesen lassen und andere wollen jeden Tag ein Schnitzel essen. Kuhmilch-Cappuccino ist die Regel, ebenso wie das Essen von Fleisch und Autofahren. Nach veganen Produkten muss ich im Supermarkt suchen, nach der Fleischtheke nicht. In einer beliebigen deutschen Stadt komme ich problemlos an Döner, Pizza und Käsebrötchen ran. Kaum jemand wundert sich darüber, dass Autos den öffentlichen Raums privatisieren. Und wären die deutschen Straßen so holperig und zugeparkt wie die Fahrradwege gäbe es einen Aufstand der Autofahrer_innen.

Die Norm ist selten benannt, weil sie eben die Norm ist. Das ist für die Norm sehr bequem, weil sie ein gemütliches Leben fristen kann, jenseits von nervigen Ideologie-Vorwürfen.

Karnismus

Um die Norm zu benennen, von der Veganismus eine Abweichung darstellt, hat Melanie Joy den Begriff Karnismus geprägt.

Carnism is the belief system in which eating animals is considered ethical and appropriate. […] Carnists eat meat not because they need to, but because they choose to, and choices always stem from beliefs.**

Das Essen von Fleisch und anderen tierischen Produkten ist also ebenso ideologisch wie das alleinige Essen von Pflanzen. Beides beruht auf Werten, Ideen, Einstellungen und dazugehörigen Praktiken. Ich finde zum Beispiel Lämmchen so niedlich und nett, dass ich mir immer wieder wünsche, ich könnte eines in meinem nicht existierenden Garten grasen lassen. Dir ist das Lämmchen vielleicht egal, du bist immun gegen seine netten großen Augen und lässt dir den Lammbraten schmecken.

Ich vermute allerdings, dass den wenigsten Menschen ihre Mitmenschen, Tiere und die Umwelt tatsächlich so total egal sind. Tatsächlich zeigen Studien, dass Menschen weder Tiere noch andere Menschen leiden sehen wollen.*** Gerade deshalb müssen gewaltvolle Ideologien wie Karnismus oder auch Sexismus und Rassismus versteckt, unsichtbar und unbenannt bleiben. Karnismus bleibt sozial und psychologisch versteckt, weil er als weitgehend unhinterfragte Norm besteht. Und es wird einiges an Aufwand betrieben, damit die Gewalt hinter der Tierindustrie auch physisch verborgen bleibt. Kaum ein Mensch bekommt die Massentierhaltung und Schlachthäuser zu Gesicht und die Wurst und das Fleisch im Supermarkt ist glücklicherweise soweit bearbeitet, das nicht mehr viel an das tote Tier erinnert.

Nun kann ich euch in Frieden betrachten

Es gibt eine Geschichte über Franz Kafka, der, nachdem er Vegetarier wurde, im Berliner Aquarium Fische beobachtet und leise sagt: „Nun kann ich euch in Frieden betrachten; ich esse euch nicht mehr.“ Immer, wenn ich heute die Wildschweine und den Weddinger Hirsch im Park besuche lächle ich in mich hinein und denken an Kafka und alle Tiere, die von mir nicht mehr gegessen werden. Es fühlt sich gut an, nach meinen Einstellungen und Werten zu leben und nicht das eine zu wissen und zu fühlen, aber das andre zu tun.

Übrigens werte ich die Ideologie-Vorwürfe gegen Veganismus, Feminismus, Minimalismus und das Fahrradfahren als ein gutes Zeichen. Sie zeigen, dass sich etwas bewegt – wenn auch langsam.

 

Wer mehr über Melanie Joys Arbeit erfahren möchte ohne ein Buch zu lesen, kann z.B. diesen kurzen Vortrag anhören.

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* Yuval Noah Harari ist Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem und u.a. Autor des Buches Eine kurze Geschichte der Menschheit. Das Zitat befindet sich auf Seite 127: „Fortan waren die intimen Bindung an die eigenen vier Wände und die räumliche Trennung von den Nachbarn die psychischen Merkmale einer deutlich engstirnigeren Kultur.“

** Melanie Joy is Professorin für Psychologie und Soziologe an der University of Massachusetts und u.a. Autorin des Buches Why We Love Dogs, Eat Pigs, and Wear Cows. Das Zitat befindet sich auf den Seiten 29-30. Die weiter oben zitierte Definition von Ideologie findet sich ebenfalls auf Seite 30.

*** vgl. Why We Love Dogs, Eat Pigs, and Wear Cows, S. 33-36.

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