Minimalistisch Packen

Reisen mit Handgepäck minimalistisch Packen Rucksack

Seit ich nach der Schule das erste Mal für länger mit Sack und Pack das Land verließ, ist schon einiges an Zeit vergangen. Damals habe ich mich mit allem möglichen und unmöglichen Kram ausgestattet. Von Seife und Bodylotion für ein Jahr über weiße Leinenblusen und Seidentopps war alles dabei. Als gäbe es in anderen Ländern keine Seife und Creme. Und als würde ich weißes Leinen und Seide jemals wieder sauber und heil nach Hause bringen. Ich stand mit geblümten Gummistiefeln, grünem Fließpulli und roter Regenjacke am Flughafen – das hatte alles nicht mehr ins Gepäck gepasst.

Seitdem ist einiges passiert. Nicht nur mein Kleidergeschmack hat sich dezent geändert (die geblümten Gummistiefel haben eine neue Besitzerin gefunden), auch meine Packgewohnheiten haben sich gewandelt.

Seit einiger Zeit verreise ich bei Flügen nur noch mit Handgepäck. Das spart Geld, Zeit und Nerven. Geld, weil aufzugebendes Gepäck zusätzlich etwas kostet. Zeit, weil ich mich nicht mehr am Schalter anstellen muss, sondern online eingecheckt direkt zur Handgepäck-Durchleuchtung kann. Noch besser ist das Gefühl, nach der Landung direkt zum Ausgang zu laufen, und nicht ewig am Gepäckband auf das ankommende oder fehlende Gepäck zu warten. Und Nerven, weil weniger Kram eben weniger Zusammensuchen, Packen und wieder Auspacken und Einsortieren bedeutet.

Klar kommt es beim Packen auf das Reiseziel und die Reiseart an. Wer den Mount Everest besteigen oder unbekanntes Terrain im Pazifik ertauchen möchte braucht anderes Gepäck als ich im drei-Wochen-Sommer-Urlaub. Von vorgefertigten Packlisten halte ich daher nicht viel. Ein paar Prinzipien, Tipps und Tricks können beim individuellen Packen trotzdem helfen.

Kleidung

Dunkle Farben

Schwarz, dunkelblau, anthrazit, graumeliert, dunkelgrün, grauschwarz – dunkle Farben lassen sich prima zusammen waschen und miteinander kombinieren. Außerdem sehen die Kleider nicht so schnell dreckig aus.

Exkurs weiße Leinenbluse

Ich weiß, bei Reisen in sehr sonnige und heiße Gebiete werden immer lange weiße Leinenblusen und –hosen empfohlen. Die reflektieren die Sonne und sollen angeblich fiese Stechmücken abhalten. Meine Erfahrung ist, dass die in nullkommanix staubig-dreckig sind, nie wieder sauber werden und ich darin aussehe wie eine Kolonisatorin im neunzehnten Jahrhundert. Fehlt nur noch der Tropenhut. Tut euch und anderen den Gefallen und lasst das sein.

Gegen Stechmücken empfehle ich Anti-Mücken-Spray und natürlich lange Kleider. Aber es muss weder weiß noch Leinen sein. Gegen Sonne hilft Schatten.

Aus gutem Stoff

Leicht trocknendes und schwer stinkendes Material gewinnt. Inzwischen gibt es Funktionskleidung, die nicht aussieht, als würdest du gleich einen Marathon laufen. Andi hat zum Beispiel ein schlichtes schwarzes Funktionsshirt, das sich wie Baumwolle anfühlt, obwohl es vor allem aus Polyester ist. Ich habe eine schlichte kurze schwarze Hose, die ich zu Hause vor allem zum Joggen anziehe, aber auch, wenn ich eine längere Anfahrt mit dem Rennrad irgendwohin habe. Im Urlaub geh ich damit an den Strand, in die Berge und in den Supermarkt. Nur zum schick Essengehen ist sie mir nicht schnieke genug.

Für nicht so schwitzige Urlaube gehen natürliche Materialien wie Baumwolle, Viskose oder Lyocell prima (Vorsicht: Knittergefahr!). Merinowolle soll richtig toll sein, habe ich aber noch nicht probiert. Nicht so gut finde ich den ganzen reinen Polyester-Kram. Und ein ganz unpraktisches Material für längeren Aufenthalt, die Waschen erfordern, ist Seide. Mein Seidentopp im Auslandsjahr habe ich direkt bei der ersten Handwäsche zerrissen. Düdümm.

Lang&kurz, dick&dünn

Eine lange Hose, eine kurze. Ein paar T-Shirts, einen dicken Pulli, einen dünnen. Der schon von meiner Mutter gepriesene Zwiebellook ist noch immer top aktuell. Meiner Erfahrung nach ist es immer gut eine lange Hose dabei zu haben, auch in warmen Gefilden, und eine kurze, auch wenn es eher kalt ist. Ok, klar, am Südpol brauchst du wohl eher keine kurze Hose. Aber auch in Kambodscha gibt es eisgekühlte Busse und in Indien Kühlschrank-Kinos. Sogar in Schweden kommt die Sonne manchmal raus und dann freuen sich die Beine über ein wenig kosmische Wärme.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Wichtig für jede Unternehmung finde ich ein Balu-Outfit fürs Einkuscheln abends nach dem Duschen und für verregnete Tage. Ultimativ gemütlich sind für mich Leggings und Fließpulli. Andi steht auf Baumwoll-Jogginghosen. Und mit was jagst du den Alltag und die Sorgen fort?

Was Schickes für schnieke Angelegenheiten

Wir sind nicht gerade auf Diplomatenbälle und Hofempfänge eingeladen. Für einen ausgedehnten Stadtbummel mit Eisschlecken und Kaffeeschlürfen oder abends Flanieren und Essengehen ziehe ich trotzdem gerne etwas Schickes an. Ein langer Rock, ein Kleid, eine schöne Bluse zur Jeans. Kein Ballkleid, nur etwas, in dem ich mich schick fühle und das Bummeln mehr Spaß macht und das Essen noch besser schmeckt.

Nur Lieblingsteile

Ich habe eine ganze Weile nur praktische und ungeliebte Kleidung mit in den Urlaub genommen. Also Kleider, bei denen es ok war, wenn sie dreckig wurden oder Löcher bekamen. Die Lieblingsteile ließ ich zu Hause und schonte sie für den Alltag. Das war zwar praktisch, machte aber keinen Spaß. Abgesehen davon, dass ich ohnehin nur noch Lieblingsteile im Schrank haben möchte, achte ich beim Packen heute darauf, dass die Kleider mir gefallen und ich mich in ihnen wohlfühle. Klar kann was dreckig werden. So be it. Berlin ist auch nicht frei von Dreck. (das war ein Scherz, hope you found it funny)

Doppelt badets sich besser

Außer es bietet sich Nacktbaden an, gilt bei Badekleidung: doppelt hält besser. Zwei Badehosen, zwei Bikinis oder zwei Badeanzüge in jedweder Form. Wenn ich aus dem Wasser komme ziehe ich das nasse Ding aus und ziehe das trockene an. Das nasse Exemplar hänge ich bis zum nächsten Wassergang zum Trocknen auf und genieße die Sonne ohne kalt-nassen Stoff an mir.

Eine Woche oder ein Jahr

Immer vorausgesetzt du hast nicht den Mount Everest oder den Südpol vor Augen, brauchst du nach meiner Erfahrung für eine Woche auf Reisen ebenso viel Kleidung wie für ein ganzes Jahr. Nach einer Woche muss so oder so gewaschen werden.

Meine minimale Kleiderliste für eine Woche oder ein Jahr sieht so aus:

1 lange Hose
1 kurze Hose
1 Leggings
5 T-Shirts/Tops
1 dicker Fließpulli
1 dünner Pulli
1 Cardigan
1 langer Rock
7 Unterhosen
5 dünne Socken
1 dicke Socken
1 BH
1 Sport-BH
2 Bikinis
1 Sandalen/Birkenstock/Flip-Flops
1 Sneakers
1 Regenjacke

Klar lässt sich diese Liste je nach Reiseziel und –vorhaben anpassen. Für die vergangenen drei Wochen Inselurlaub habe ich zum Beispiel keine Regenjacke mitgenommen. Für die fünf Wochen Wandern im Himalaya wiederum schon. Da habe ich auch ein paar Wanderschuhe mitgenommen und statt des Bikinis Mütze und Schal eingepackt.

Wichtig finde ich auch immer, sich zu überlegen, was sich vor Ort zur Not noch ohne Geld- und Ressourcenverschwendung kaufen lässt. In Kathmandu kann man wunderbar noch eine Mütze erwerben, auf der unbewohnten kambodschanischen Insel Koh Ta Kiev sieht es mit Einkaufen eher schlecht aus. Eine Regenjacke würde ich mir keine zweite kaufen, da ich eine gute und schöne besitze. Ein Paar Socken dagegen wären zur Not drin.

Vibrator, Pinsel und Wärmflasche – dein Selbstsorgepaket

Letztens half ich einer Freundin beim Packen. Sie war drauf und dran für ein Jahr in ein asiatisches Land zu fliegen und brauchte Hilfe beim Zusammensuchen der nützlichen, praktischen und wichtigen Dinge für ihre Unternehmung. Als Micropur-Tabletten, Moskitonetz und die ganzen Medikamente verstaut waren, fragte ich nach dem Selbstsorge-Paket und erntete einen verständnislosen Blick. Das ist doch erstaunlich. Wir nehmen Tabletten und Tropfen gegen alle möglichen Krankheiten mit, aber nichts gegen Traurigkeit und fürs Wohlfühlen. Sie war mir im Nachhinein dankbar für das Feier-Kleid, in dem sie jedes Wochenende die Clubs unsicher machte. Mit Tusche und Papier verbrachte sie ruhige Momente in alten Tempeln und mit dem Vibrator im Bett. Die Wärmflasche half gegen Regelschmerzen und Heimweh und der Teddy gegen alles.

Was für ein Erlebnis!

Neben praktischer, gemütlicher und schöner Kleidung und weniger praktischen aber seelisch notwendigen Dingen packe ich gerne erlebnisorientiert. Das heißt, ich frage mich vor dem Urlaub, was ich gerne machen möchte und ob ich dafür etwas einpacken muss.

Diesen Sommer war ich zum Beispiel auf einer Insel mit viel Meer. Das rief nach Schnorcheln. Bei den letzten Urlauben mit Schnorchel-Gelegenheit hatte ich nie eine Ausrüstung dabei und kaufte mir jedes Mal ein Set mit viel Aufwand und wenig Qualität. Dieses Mal hatte ich eine passende Taucherbrille und einen Hightech-Schnorchel dabei und viel Spaß beim Fische-Gucken.

Das erlebnisorientierte Packen finde ich am schwierigsten weil es so viele coole Dinge zu erleben gibt und ich nicht für alles ausgerüstet sein kann. Zum Beispiel wäre das Schnorcheln mit Flossen vielleicht noch toller gewesen, weil ich schneller vorangekommen wäre. Die Flossen passen aber nicht ins Handgepäck. Ich frage mich immer, was essentiell für das Erlebnis ist und was nicht. Schnorcheln ohne Taucherbrille und Schnorchel geht nicht. Ohne Flossen schon. Auch die Frage, welches Material für ein Erlebnis essentiell ist, ist individuell verschieden. Ich brauche zum Malen zum Beispiel mindestens Bleistift, Pinsel, Papier und Farben, während eine Freundin von mir immer nur einen Pinsel mitnimmt, egal wohin sie reist. Irgendein Papier, Wasser und etwas Färbendes zum Malen – ob Kaffee oder rote Bete – findet sie immer.

Was sonst noch?

Allzwecktuch

Seit ich mal in Ostafrika unterwegs war, nehme ich immer ein Tuch mit, egal wohin es geht. In Ostafrika gibt es Chitenge, das sind Stoffe aus fester Baumwolle, die vor Ort als Kleiderstoff, Tragetuch, Kopfschmuck, Taschentuch oder Reisemantel dienen. Chitenge gibt es als 2 x 1,50 Meter – Stück zu kaufen. Mein Exemplar hat sich schon wunderbar als Strandtuch, Handtuch, Schattenspender, Turban, Staubschutz oder Halstuch bewährt.

Sonnencreme

Weshalb Sonnencreme im Ausland so teuer ist, ist mir ein Rätsel. Egal ob Italien oder Indien – irgendwie kostet Sonnencreme in anderen Ländern ein Vielfaches des Preises in deutschen Drogeriemärkten. Ich versuche daher immer ausreichend Sonnencreme mitzunehmen. Notfalls mehrere 100ml-Tuben im Handgepäck.

Stirnlampe

Ob in den Bergen, am Strand, sonst irgendwo in der Pampa oder in Städten, wo der Strom immer mal ausfällt – eine Stirnlampe macht kochen und pinkeln im Dunkeln wesentlich einfacher.

Wasserflasche und Verpflegung

Die machen das ja schon echt schlau am Flughafen. Man sagt den Leuten, sie sollen zwei Stunden vor Abflug da sein und verkauft dann den gelangweilten Passagieren überteuerte Parfüms und Pralinen als „duty-free“. Man verbietet den Leuten, Flüssigkeiten über 100ml mitzunehmen und bietet ihnen dann Trinkwasser für schlappe 4 Euro die Flasche an. Und überall dieses sauteure Essen. Ein belegtes Baguette für 15 Euro – dein ernst?! Und dann ist es auch noch schwer überhaupt ein teures veganes Baguette zu finden.

Ich nehme mir immer eine kleine Wasserflasche mit auf den Flug, die ich vor der Gepäckkontrolle austrinke. Man darf nämlich zwar nicht mehr als 100ml Flüssigkeit mitnehmen, aber nirgendwo steht was von Plastikfalschen. Am Gate kann ich mir dann so viel Wasser aus dem Hahn holen wie ich möchte – vorausgesetzt natürlich, die Trinkwasserqualität ist gut.

Dem teuren Essen begegne ich ganz einfach, indem ich mir Essen mitnehme. Ich verstehe nicht, weshalb die Deutschen es schaffen, sich auf jede Zugfahrt Berge von belegten Brötchen einzupacken, die noch vor der Abfahrt verputzt werden, aber diese Fähigkeit beim Fliegen plötzlich dahin ist. Nur weil das Essen drinnen teuer ist, heißt es nicht, dass man es essen muss. Ich sehe da keinen Zusammenhang. Solange das Essen nicht flüssig ist – Suppen also leider nicht – geht von Salaten über belegte Brötchen bis zu Pizza alles. Prima ist auch alles, was beim Warten geknabbert werden kann – Schokolade, Kekse, Obst, Nüsse, was dir eben schmeckt.

Und was nicht?

Handwaschmittel

Seife gibt es wirklich überall auf der Welt wo es Menschen gibt. Den eigenen Körper und die Kleider waschen, das machen alle (na gut, fast alle). Und meistens gibt es dann doch immer irgendwo eine Waschmaschine, die mir die Handwäsche erspart.

Bücher

Ich lese viel und gerne und egal wie viele Bücher ich mitnehme, es sind immer zu wenige. Seit es eBooks gibt, nehme ich nur noch meinen eReader mit auf Reisen und lade mir vorher und unterwegs Lesestoff runter. Häufig sind eBooks günstiger als ihre physischen Schwestern, manchmal sogar richtig billig oder kostenlos. Nur bei Neuerscheinungen unterscheidet sich der Preis leider nicht so sehr vom Hardcover. Einige Stadtbibliotheken bieten auch schon eBooks und elektronische Magazine an. Das kostet nichts außer den paar Euro für die jährliche Bibliotheksmitgliedschaft.

Reiseführer

Obwohl ich leidenschaftlich gerne in Reiseführern schmökere, kaufe ich mir immer seltener ein physisches Exemplar. Reiseführer veralten einfach zu schnell und sind zu schwer als dass sich das lohnt. Gerade für längere Reisen durch mehrere Länder ist das unsinnig. Ich habe schon viele aktuelle Reiseführer als eBook in der Stadtbibliothek gefunden. Ansonsten finde ich Tripadvisor für Unterkünfte und HappyCow für vegane Restaurants und Cafés ohnehin besser. Immer gut funktioniert auch Austausch mit anderen Leuten und überraschen lassen.

Letztendlich ist es unmöglich alles mitzunehmen, ob im Handgepäck, auf dem Fahrrad, oder im Wohnwagen. Wir haben im Urlaub ein Paar aus Berlin getroffen, das mit Bully und Schiff auf die Insel gereist ist. Der ganze Bus war voller Kram. Und trotzdem haben sie uns nach Kopfhörern gefragt und wir dafür Kniffel bekommen. Alles kann man eben nicht dabeihaben. Und vielleicht ist das auch besser so, sonst würden solch schöne Tauschgeschäfte und Begegnungen gar nicht passieren.

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