Mein minimalistisches Bücherregal

Als ich ein Kind war nahm ich mir vor, alle Bücher zu lesen, die es gibt. Es war mein erster Besuch einer Bibliothek und ich ganz aufgeregt vor lauter Welten und Weisheiten zwischen den Regalen. Ich war klein, meine Ambitionen groß.

Nicht lange danach stellte ich fest, dass die Welt mit ihren vielen Büchern zu groß für mich ist. Eine sehr weise Einsicht, wie ich finde. Und ich beschränkte meine Ambitionen auf alle Asterix&Obelixe, Billy&Zottels, Lucky&Lukes.

Dann begann ich zu studieren (also nicht direkt nach Billy&Zottel, da waren noch ein paar Bücher und Jahre dazwischen) und vergaß meine kindliche Einsicht. Ich war ein wenig größer und dicker geworden und hatte trotzdem nichts dazu gelernt (any Dota-Fans here?). Das erste Buch fürs Studium kaufte ich mir bereits bevor ich die Uni von innen gesehen hatte.

Ich brauchte einige Semester um zu verstehen, dass die Bücherempfehlungen im Vorlesungsverzeichnis lediglich dazu dienen, Studierenden das Gefühl zu geben, die Lehrperson sei höchst informiert und hätte einen Plan. Und nicht etwa als Lese- oder Kaufempfehlung. Geschweige denn, dass sie etwas mit dem Seminarinhalt zu tun haben. Die Theorien der Globalisierung sind mir bis heute ein Rätsel.

Ich war eine eifrige Studentin und fand mich in der Universität ähnlich ambitioniert wie bei meinem ersten Bibliotheksbesuch. Ich wollte alles wissen und alles lesen. Kennt ihr die Szene bei Gilmore Girls, wo Rory zusammen mit Loreley Havard besucht und fassungslos vor der größten Bibliothek der Welt steht? 13 Millionen Bücher in insgesamt 90 Bibliotheksgebäuden. Rory:

Thirteen million volumes? I’ve read like, what, three hundred books in my entire life and I’m already sixteen? Do you know how long it would take me to read thirteen million books?

Exactly, that’s me.

Um sicher zu gehen, lieh ich mir Unmengen Bücher aus, scannte und kopierte wie verrückt, hatte lange und immer längere Leselisten. Das ganze Leihen, Zurückgeben, Kaufen, Scannen, Kopieren, Einheften und – schlussendlich – Lesen (oh und Unterstreichen, Kommentieren und Extrahieren) verwaltete ich fein säuberlich elektronisch (ja, für so was gibt es Programme). Mein Bücherregal wuchs und ich war stolz auf die ganzen tollen Titel, die meine Einstellungen und natürlich überragende Schlauheit wider spiegelten.

Damit war ich nicht alleine. Eine Freundin von mir treibt diese Disziplin zur Perfektion. Ihre Wohnung besteht nur noch aus Regalen. Die Bücher stehen mindestens zweireihig. Und jedes Buch ist mit einer Signatur versehen. Nach dem gleichen System wie seine Verwandten und Bekannten in der Universitätsbibliothek. Jeder Urlaub wird mit dem Ziel geplant, neuer Bücher zu erwerben (sprich: am besten Bücher, die niemand sonst hat). Und in jeder virtuellen oder echt erscheinenden Interaktion wird das Wissen und der Besitzt zur Schau gestellt. Denn – wofür sonst das alles.

Irgendwann hat das ganze Theater für mich nicht mehr funktioniert. Ich sah mein Bücherregal an und fand kein einziges Buch, das an einem gemütlichen Donnerstagabend gelesen werden wollte. Kein Buch, das mich anlachte. Nur Papier, das mich anschrie: Wann liest du mich denn endlich (fertig)?!!

Seitdem habe ich mich wieder daran erinnert, dass ich nicht alle Bücher dieser Welt lesen muss. Dass ich klein und die Welt groß ist. Und das gut so ist. Mein Bücherregal ist nicht beeindruckend sondern fröhlich. Puh der Bär steht neben bell hooks, dem kleinen Nick und Brené Brown. Und fühlt sich verdammt wohl.

 

 

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